Nach dem erfolgreichen Weaning und der zumeist direkt anschließenden Reha beginnt für viele ein neuer Lebensabschnitt: zurück im eigenen Zuhause. Die Freude darüber ist oft groß – aber es tauchen auch viele Fragen und Unsicherheiten auf. Denn auch wenn die invasive Beatmung beendet ist, bedeutet das nicht, dass alle Hürden überwunden sind. Körper und Seele brauchen Zeit zur Erholung. Angehörige stehen ebenfalls vor Herausforderungen und finden sich oft in einer neuen Rolle wieder, in der sie sich erst zurechtfinden müssen. In diesem Artikel erfahren Sie, worauf Sie als Angehörige oder Betroffene in einer solchen Situation achten können – mit konkreten Tipps und Hinweisen für mehr Sicherheit und Lebensqualität im Alltag.
Der Alltag nach dem Weaning: Was bleibt, was verändert sich?
Nach dem Weaning ist vieles wieder möglich – aber oft nicht sofort und nicht uneingeschränkt. Viele Betroffene sind selbst nach der Reha noch geschwächt, kämpfen mit den Folgen von Muskelabbau durch den langen Krankenhausaufenthalt oder mit Schluckstörungen, Kreislaufproblemen, Angst oder Unsicherheit. Auch der Bedarf an Unterstützung (eventuell sogar Pflege), Therapie und ärztlicher Begleitung bleibt zunächst hoch. Die richtige Vorbereitung und das Wissen, wen man involvieren kann und worauf man sich möglicherweise einstellen muss, können mehr Sicherheit geben – den Betroffenen ebenso wie ihren Angehörigen.
Checkliste: Gut vorbereitet in den Alltag zu Hause
Ein strukturierter Start und vor allem eine Liste mit möglichen Ansprechpartner:innen hilft, Stress zu vermeiden. Welche Hilfsangebote und Hilfsmittel Sie benötigen, hängt stark vom individuellen Bedarf und dem aktuellen Gesundheitszustand ab. Kliniken und Reha-Einrichtungen helfen Ihnen, einen besseren Überblick über das zu erhalten, was Sie konkret benötigen. Zu den wichtigsten Eckdaten gehören z.B.:
- Hausärztin bzw. Hausarzt und gegebenenfalls Fachärzt:innen informieren und klären, wie stark sie eingebunden werden können (Wer kommt bei Bedarf auch zu einem Hausbesuch? Wer stellt Rezepte aus und arbeitet mit welcher Apotheke zusammen, die die Medikamente direkt ins Haus liefert?)
- Wird z.B. über Nacht noch ein Gerät zur Atemunterstützung benötigt? Oder ein unterstützendes Sauerstoffgerät bei Bedarf? Wenn ja: ist es beantragt? Wer wartet das Gerät? Wer hilft bei Problemen?
- Wenn nötig: Pflegedienst oder Betreuung organisieren.
- Laufen Physiotherapie, Logopädie oder Ergotherapie ambulant weiter? Liegen die entsprechenden Verordnungen dafür vor?
- Sind Hilfsmittel wie Rollator, Toilettenstuhl, Pflegebett oder Notrufsystem bereitgestellt, sofern sie benötigt werden?
- Sind alle Medikamente und Verbrauchsmaterialien im Haus? Gibt es einen Medikamentenplan?
- Sind ein Notfallplan und wichtige Kontakte griffbereit?
Tipp: Legen Sie einen Ordner oder eine digitale Mappe mit allen medizinischen Unterlagen, Telefonnummern und Therapie- bzw. Medikamentenplänen an – das schafft Überblick und Sicherheit.
Sicherheit im Alltag: Kleine Maßnahmen mit großer Wirkung
Nach längerer Krankheit oder Klinikaufenthalt ist die eigene Wohnung nicht automatisch immer noch ein sicherer Ort. Achten Sie zum Beispiel auf:
- Stolperfallen: Lose Teppiche, Kabel oder Schwellen können auf einmal zur Gefahr werden. Versuchen Sie, diese so gut wie möglich zu beseitigen.
- Wird ein Rollator benötigt, sollten außerdem die Laufwege ausreichend breit und hindernisfrei sein.
- Gute Beleuchtung: Besonders Treppen, Engpässe oder Schwellen sollten gut zu sehen sein. Auch wenn man sich sonst problemlos im Dunkeln durch die eigenen vier Wände bewegen konnte, gibt mehr Licht auch mehr Sicherheit, wenn der Körper geschwächt ist.
- Sinnvolle Platzierung von Hilfsmitteln: z. Haltegriffe im Bad und rutschfeste Matten.
- Notruftelefon oder mobile Notfalltaste: Die moderne Technik erleichtert hier vieles. Wenn nicht sowieso mit einem Notrufknopf eine direkte Anbindung an entsprechende Anbieter geplant ist, hilft eine Smartwatch oder ein Band am Handy, mit dem es um den Hals getragen werden kann.
Tipp: Bitten Sie eine Pflegefachkraft oder Therapeut:in bei Bedarf um eine Sicherheitsbegehung zu Hause.
Kommunikation mit Ärzt:innen und Pflegekräften: Klar und selbstbewusst
Gerade nach dem Weaning kommt es auf gute Zusammenarbeit an. Wer Veränderungen oder Beobachtungen mit Hausärzt:innen, Therapeut:innen und/oder Pflegepersonal bespricht, kann Probleme frühzeitig erkennen und gezielt gegensteuern. Für Patient:innen und Angehörige ist dabei wichtig, Dinge möglichst konkret und klar ansprechen zu können.
Was hilft:
- Eigene Beobachtungen notieren (z. Atemmuster, Müdigkeit, Stimmung)
- Fragen offen stellen – keine Angst vor „dummen/lästigen Fragen“
- Notizen machen bei Arzt- oder Pflegeterminen
- Angehörige bei Gesprächen einbeziehen
- Bei Unsicherheit: einfach noch mal nachfragen, bis Sie sicher sind, es verstanden zu haben
Tipp: Formulieren Sie Ihre Wünsche klar – z. B. nach mehr Erklärungen, weniger Fachjargon oder bestimmten Besuchszeiten. Es ist Ihr Alltag.
Für sich selbst einstehen – auch als Angehöriger
Pflegende Angehörige leisten oft enorm viel – emotional, körperlich, organisatorisch. Damit niemand ausbrennt, ist es wichtig, auch an sich selbst zu denken.
Tipps zur Selbstfürsorge:
- Mit der/dem Betroffenen offen darüber reden, wo die eigenen Grenzen sind. Was können Sie leisten? Womit fühlen Sie sich überfordert?
- Unterstützung annehmen – von Pflegediensten, Familie, Nachbarschaft, Freundeskreis. Sie müssen nicht alles allein schultern!
- Eigene Termine (z. Sport, Spaziergang, Arztbesuch) nicht absagen
- Mit anderen pflegenden Angehörigen austauschen (z. in Selbsthilfegruppen)
- Frühzeitig über Entlastungsangebote informieren (z. Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege)
Tipp: Es ist kein Zeichen von Schwäche, Hilfe zu brauchen – sondern von Verantwortungsbewusstsein!
Ernährung und Flüssigkeit: Neue Bedürfnisse erkennen
Nach längerer Krankheit verändert sich oft das Essverhalten. Manche verlieren den Appetit, andere haben Schluckprobleme oder vertragen bestimmte Lebensmittel nicht mehr. Meist wird darauf bereits in der Klinik oder der Reha eingegangen und ein individueller Ernährungsplan aufgebaut. Als Faustregeln insbesondere bei Schluckbeschwerden gelten:
- Regelmäßige, kleine Mahlzeiten mit ausreichend Energie und Eiweiß
- Viel trinken – aber bei Herz-/Nierenproblemen auf ärztliche Vorgaben achten
- Bei anhaltender Appetitlosigkeit: Zusatznahrung in Absprache mit dem Arzt/der Ärztin
Tipp: Ein Ernährungstagebuch kann helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Und wenn Sie gerne noch einmal im Detail alles besprechen wollen und einen individuellen Plan erarbeiten möchten, holen Sie sich eine Ernährungsberaterin bzw. einen Ernährungsberater nach Hause. Klären Sie mit der Kranken- bzw. Pflegekasse, ob die Kosten übernommen werden – bei einer medizinischen Indikation wird die Ernährungsberatung oft bezahlt.
Bewegung und Mobilisation: Schritt für Schritt zurück ins Leben
Körperliche Aktivität ist entscheidend für die Erholung. Erste Schritte zu mehr Bewegung haben die Patient:innen zumeist bereits in der Reha gemacht. Zuhause gilt es, am Ball zu bleiben und alle Übungen oder Aktivitäten an das aktuelle Leistungsvermögen anzupassen. Eine Überforderung sollten Sie ebenso vermeiden wie eine Unterforderung. Setzen Sie sich erreichbare Ziele, auf die Sie sich auch freuen. Ganz zu Beginn kann es etwas so Kleines sein, wie: „Heute bis zum Balkon – nächste Woche bis zum Garten“.
Tipp: Auch kleinste Fortschritte sind Erfolge – sie zeigen: Es geht voran. Aber auch Rückschritte sind Teil des Prozesses und völlig normal! Notieren Sie sich diese positiven Momente, damit die kleinen Erfolge nicht aus dem Gedächtnis verschwinden.
Psychische Gesundheit: Wenn der Kopf Zeit braucht
Nicht nur der Körper, auch die Seele braucht Erholung. Der Übergang von Klinik zu Zuhause ist oft von Ängsten, Unsicherheit oder Überforderung begleitet.
Was helfen kann:
- Gespräche mit vertrauten Menschen führen
- Routinen aufbauen – sie geben Halt
- Kleine Alltagsfreuden bewusst erleben (z. Lieblingsmusik, Natur, Haustier)
- Bei anhaltender Traurigkeit oder Ängsten psychologische Unterstützung suchen
- Austausch mit anderen Betroffenen kann entlastend wirken
Tipp: Alle Gefühle ernst nehmen – sie sind normal und dürfen da sein.
Fazit: Gemeinsam stark im neuen Alltag
Die Zeit nach dem Weaning ist geprägt von Veränderungen, Hoffnungen – und manchmal auch Rückschlägen. Mit einer guten Vorbereitung, den richtigen Ansprechpartner:innen im Gepäck und einem offenen Blick für die eigenen Bedürfnisse gelingt der Übergang ins häusliche Leben. Ob Betroffene oder Angehörige: Niemand muss den Weg alleine gehen.
Und denken Sie daran: Jede Frage ist erlaubt. Jede Pause ist verdient. Und auch wenn es schwierig wird und sich nicht immer danach anfühlt: Jeder Fortschritt, egal wie groß, zählt.
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