23.11.2021

Ein kleiner Blick in die Geschichte der (außerklinischen) Beatmung | PRiVENT Podcast

Intensivmedizinische Behandlungen, minimal-invasive Eingriffe am Herzen, Operationen am Gehirn, Organtransplantationen, PET, CT, MRT. Kaum jemandem ist heute noch bewusst, dass es viele der heutigen Standards in der Medizin erst seit wenigen Jahrzehnten gibt. Das gilt auch für die Beatmung, die heute so „alltäglich“ ist, dass Patient:innen sogar beatmet aus Kliniken entlassen werden.

Mit Herrn Dr. med. Matthias Wiebel hat Frau Litke einen Podcast-Gast, der die Anfänge der modernen Beatmungsmedizin, auch im außerklinischen Bereich, in Deutschland begleitet und teils sogar initiiert hat. Und weil dies eben gar nicht so lang her ist, ist Herr Dr. Wiebel weit jünger, als der Satz vermuten lässt.

Um in die Zukunft zu gestalten, muss man auch in die Vergangenheit schauen

Mit PRiVENT wollen wir in Zukunft die Situation von beatmeten Patient:innen verbessern. Dafür lohnt sich immer auch ein Blick in die Vergangenheit. Die Beatmungsmedizin ist uralt und brandneu. Wandmalereien lassen vermuten, dass die Beatmung sogar schon im alten Ägypten bekannt gewesen sein könnte. Hinweise auf und sogar Beschreibungen von Tracheotomien, also der Eröffnung der Luftröhre, finden sich vom Altertum an immer wieder. In der heutigen Form existiert die Beatmung jedoch erst seit wenigen Jahren. Und sie wird noch immer ständig weiterentwickelt.

Dr. med. Matthias Wiebel war 30 Jahre lang Oberarzt in der Thoraxklinik Heidelberg in der Abteilung Innere Medizin und Pneumologie. Ab Ende der 1980er Jahre hat Herr Wiebel die Beatmungsmedizin in Deutschland maßgeblich beeinflusst und zunächst teilweise im Alleingang nach vorne gebracht.

Die maschinelle Beatmung von der eisernen Lunge bis heute

Ab den 1930er Jahren rettete die eiserne Lunge vielen Patient:innen das Leben, die durch eine Polio-Infektion (Kinderlähmung) aus eigener Kraft nicht mehr atmen konnten. Es war eine Stahlröhre, in der mehrmals pro Minute ein Unterdruck erzeugt werden konnte. Die Patient:innen wurden in diese Röhre hineingelegt, lediglich ihr Kopf schaute heraus. Durch den Unterdruck wurde der Brustkorb angehoben, sodass die Luft in die Lunge hineingesaugt wurde. Bei der modernen Beatmung wird hingegen Luft mit Druck in die Lunge hineingepumpt. Diese Technik existierte zwar auch schon vor der eisernen Lunge, konnte jedoch nicht maschinell erfolgen. Stattdessen wurden die Patient:innen (meist über einen Luftröhrenschnitt) mit einem Druckbeutel manuell beatmet. In der Praxis bedeutete dies, dass rund um die Uhr Pflegekräfte im Schichtdienst die Beatmung durchführen mussten.

Die ersten Geräte, die automatisch Luft in die Lunge der Patient:innen pumpen konnten, kamen aus den USA. Doch von den modernen Beatmungs-Geräten haben auch sie sich noch unterschieden: Während man heute auf eine Druckbeatmung setzt, war es damals eine Volumenbeatmung. Im Gespräch mit Frau Litke erläutert Dr. Wiebel den genauen Unterschied, wie es zu der Entwicklung kam und welche Vorteile die neue Methode hat.

Die Schlafmedizin hob die Beatmungsmedizin auf ein neues Level

Die Schlafmedizin, die sich als völlig neues medizinisches Feld entwickelte, brachte einen Wendepunkt für die Beatmungsmedizin. Patient:innen mit einer sogenannten „obstruktiven Schlafapnoe“ bekommen beim Schlafen schlecht Luft und haben Atemaussetzer. Häufig merken die Betroffenen dies nur durch eine ausgeprägte Müdigkeit am Tag, die aus der schlechten Schlafqualität resultiert. Zur Unterstützung dieser Patient:innen wurden Ende der 1980er-Jahre Überdruck-Geräte mit speziellen und neuartigen Masken entwickelt, die zunächst in Handarbeit mit Silikonkautschuk gebaut wurden, der eigentlich in der Zahnmedizin für Abdrücke eingesetzt wurde. Vorreiter war eine Gruppe von Schlafmedizinern aus Frankreich, die Herr Dr. Wiebel zusammen mit anderen deutschen Pneumolog:innen besuchte, um von ihnen zu lernen. Mit dieser Delegation wurde letztlich auch der Grundstein gelegt, der 1997 zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Respiratorentwöhnung und Heimbeatmung (AGH) führte. 2010 nannte sich die Fachgesellschaft in „Deutsche interdisziplinäre Gesellschaft für außerklinische Beatmung (DIGAB) e.V.“ um. Die DIGAP ist ein eingetragener Verein nach deutschem Recht, dessen Arbeit gemeinnützig und politisch unabhängig ist. Herr Dr. Wiebelgehört noch heute zu den Ehrenmitgliedern.

Eingesetzt wurde die neue Maskenbeatmung bei unterschiedlichen Krankheitsbildern. Zunächst vor allem bei Patient:innen, die aus den unterschiedlichsten Gründen einen deformierten Brustkorb hatten – und diese Patient:innen zeigten teils schnell eine deutliche Besserungen. Bei einigen Patient:innen verbesserte sich der Zustand binnen Tagen und Wochen so deutlich, dass sie wieder aktiv am Leben teilhaben konnten. Und dennoch waren zunächst nur wenige Fachkräfte und Ärzt:innen von der neuen Methode überzeugt. Im Podcast berichtet Herr Dr. Wiebel, wie er mit der Hilfe und dem Beistand von zwei Pflegekräften die neue Beatmungsform weiter etablierte – und er erzählt, gegen welche Widerstände er vor etwa 30 Jahren angehen musste.

COPD-Patient:innen profitierten zu diesem Zeitpunkt übrigens noch nicht: Da die ersten Masken nicht dicht genug schlossen und die Geräte noch nicht in der Lage waren, schnell und kontrolliert einen hohen Druck aufzubauen, konnte COPD-Patient:innen nur bedingt geholfen werden.

Und ab wann gibt es die Beatmung, so wie wir sie heute kennen? Tatsächlich wurden die Masken erst rund um den Jahrtausendwechsel besser und ab etwa 2010 waren sie soweit perfektioniert, wie wir sie heute kennen, sagt Dr. Wiebel.

Der Blick in die Gegenwart

Während Dr. Wiebel früher viel Zeit mit Überzeugungsarbeit verbrachte, kümmern sich heute ganze Teams um die beatmeten Patient:innen. Sehr zur Freude von Herrn Dr. Wiebel, der die enorm wichtige Rolle der Atmungstherapeut:innen noch einmal hervorhebt. Neben den Fortschritten in der Beatmungsmedizin weist er jedoch auch offen und schonungslos auf ethische Fragen hin und auch darauf, dass die medizinische Versorgung teils ins Gegenteil gekippt ist und heute Menschen beatmet werden, die man entwöhnen könnte. So schließt sich der Kreis zu PRiVENT.

Die Podcast-Folge mit Herr Dr. Wiebel ist inzwischen online verfügbar und wir können sie jedem wärmstens ans Herz legen.

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